Die Neue Münchner Künstlergenossenschaft (NM) hat ihre Wurzeln in der langen Tradition der von öffentlichen, institutionellen oder wirtschaftlichen Einrichtungen unabhängigen und gemeinschaftlichen Präsentation von Werken bildender Künstler*innen.
Künstlerselbstverwaltung in der Kunstgenossenschaft
Außerordentlich erfolgreich startete 1858 der überregionale Zusammenschluss von Künstlern in der Allgemeinen Deutschen Kunstgenossenschaft mit einer großen Kunstausstellung im Münchner Glaspalast. In München stellte etwa zur gleichen Zeit die Akademie der Bildenden Künste ihre Ausstellungstätigkeit ein und die bald danach gegründete Künstlergenossenschaft übernahm fortan diese Aufgabe. Offizieller Gründungstag der bis heute bestehenden Münchener Künstlergenossenschaft (MKG) ist der 7. Juni 1868, als König Ludwig II. ihr den Status einer privilegierten Körperschaft verlieh. Die über 900 Mitglieder Anfang der 1890er sind Zeugnis des Erfolges und gleichzeitig verweist der Austritt von knapp hundert Mitgliedern schon 1892 auf die internen Verwerfungen. Die Aussteiger gründeten den Verein bildender Künstler Münchens Secession e.V., kurz Secession genannt. Die verschiedenen Gruppen organisierten abwechselnd Ausstellungen im Münchner Glaspalast, die den Ruf Münchens als „Stadt der Kunst und Kultur“ begründete. Treibende Kraft war die MKG bei dem 1900 fertiggestellten und als Begegnungsstätte konzipierten Bau des Münchner Künstlerhauses. Franz von Lenbach, seit 1896 Präsident der MKG, war maßgeblich am Gelingen beteiligt und verhinderte einen weiteren Bruch der Genossenschaft.
Für die Ausstellungstätigkeit und die finanzielle Situation stellte vor allem der Brand des Münchner Glaspalasts am 6. Juni 1931 einen großen Einschnitt dar. Danach schlossen sich zur kurzfristigen Organisation einer Ersatzausstellung im Bibliotheksbau des Deutschen Museums die maßgeblich betroffenen Künstlergruppen – die Münchener Künstlergenossenschaft (MKG), die Secession und die Münchener Neue Secession – 1931 zur offiziell registrierten Ausstellungsleitung München e.V. zusammen und organisierten Ausstellungen an unterschiedlichen Orten. Die doktrinäre Kunstauffassung und der Gleichschaltungswille der Nationalsozialisten führte dazu, dass alle Vereine aufgelöst und in die Reichskunstkammer eingegliedert wurden.
Wiedergründung nach 1945 und Namensstreit
Am 4. Juni 1946 genehmigte die amerikanische Militärregierung einer Gruppe ehemaliger Mitglieder der MKG um Eduard Aigner und Carl Theodor Protzen (mit Carl Otto Müller und Karl
Blocherer) die Wiedergründung der MKG. Sie organisierte schon 1947 eine erste Ausstellung in den Räumen der Städtischen Galerie im Lenbachhaus.
Im Juni 1948 widersprach eine kleine Gruppe unter Führung von Constantin Gerhardinger dieser Neugründung mit einer „Denkschrift“. Jede Partei beanspruchte nun für sich die rechtmäßige Erbschaft
der „alten“ MKG, bescheinigte sich selbst einen besonderen Widerstandsgeist gegenüber der Politik in der NS-Zeit und beschuldigte die jeweilige Gegenseite der Kollaboration mit den
Nationalsozialisten. Tatsächlich hatten sich einige Beteiligte in der ein oder anderen Weise mit den Nationalsozialisten arrangiert und zum Teil finanziell nicht wenig profitiert. In alter
Tradition wurde der Streit auch auf künstlerischer Ebene ausgetragen. Traditionalisten - was bis weit in die 60er Jahre vor allem „Gegenständliche Malerei“ bedeutete (um Gerhardinger) - standen
den „Modernen“, einer moderat offenen Strömung, die an Vorkriegskunst anknüpfte (um Aigner und Protzen), gegenüber. Qualität oder der Mangel derselben bestimmte die Auseinandersetzung. Man wollte
den Ruf Münchens als „Stadt der Kunst“ wieder aufleben lassen und stritt sich um den Kunststil.
Am 18. Oktober 1948 ließ Gerhardinger seinen Verein MKG im Registergericht München eintragen, wogegen auch der BBK protestierte. Da Vermittlungsversuche scheiterten, verwies das Bayerische Kultusministerium auf einen notwendigen Zivilprozess zur Klärung der Namensfrage.
Der Prozess endete im Januar 1951 mit der Entscheidung, dass der Verein Gerhardingers den Namen Münchener Künstlergenossenschaft königlich privilegiert 1868 führen durfte. Der von Aigner und Protzen gegründete Verein trat ab diesem Zeitpunkt unter dem Namen Neue Münchner Künstlergenossenschaft auf.
Ausstellungen der Neuen Münchner Künstlergenossenschaft (NM)
1946 rekonstituierten sich die während der NS-Diktatur aufgelösten Künstlervereine Münchener Künstlergenossenschaft und Secession; hinzu kam als Neugründung die aus Resten der Juryfreien und der Münchener Neuen Secession hervorgegangenen Neue Gruppe. Ende 1948 beschlossen zwölf Vertreter dieser drei Vereine gemeinsam mit dem Direktor des Hauses der Kunst die Wiedergründung der Ausstellungsleitung München e.V.. Dieser gemeinsame Verbund hatte das Ziel, die Tradition der von Künstler*innen selbst jurierten Münchner Jahresausstellungen fortzuführen und durch künstlerische Selbstverwaltung wieder unabhängig organisierte, gemeinsame jährliche Verkaufsausstellungen zu ermöglichen.
Nach der Eintragung ins Vereinsregister nahm die Ausstellungsleitung Anfang 1949 ihre Arbeit wieder auf. Sie setzte sich aus je drei Vertretern der Künstlervereine zusammen. Von der MKG waren dies Carl Theodor Protzen, Eduard Aigner und Karl Blocherer, also nur die Vertreter der späteren Neuen Münchner Künstlergenossenschaft (NM). Da neben Protzen auch andere Künstler bereits in den 1930/40er Jahren in der Ausstellungsleitung tätig gewesen waren, konnte der Verein auf existierende Netzwerke und viele Jahre Erfahrung in der Organisation zurückgreifen.
Die Neue Münchner Künstlergenossenschaft (NM) war unter dem Dach der Ausstellungsleitung München e.V. gemeinsam mit den anderen Vereinen von 1949 bis 2011 für die jährlich stattfindende „Große Kunstausstellung München“ im Haus der Kunst verantwortlich und knüpfte damit an die Jahresausstellungen im Münchner Glaspalast an. Bis Ende der 1980er Jahre wurden dort von dem Verbund zudem zahlreiche international beachtete Ausstellungen mit breitem Themenspektrum (Frank Lloyd Wright, Ernst Ludwig Kirchner, Le Corbusier, Oskar Kokoschka, Vincent van Gogh, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Picasso...) und hohen Besucherzahlen organisiert.
Nach mehreren Namensänderungen und Umstrukturierungen heißt der mittlerweile erweiterte und geänderte Verbund seit 2014 Künstler*innenverbund im Haus der Kunst München e.V. und veranstaltet seit 2013 als Nachfolgeformat der „Großen Kunstausstellung München“ die „Biennale der Künstler*innen im Haus der Kunst“ mit verändertem Ausstellungskonzept.
Zu den von der NM im Haus der Kunst verantworteten Ausstellungen zählen unter anderem:
- „through the looking glass“ (2006)
- „was uns antreibt“ (2009)
Eine Jubiläumsausstellung der NM fand 2019 im Künstlerhaus am Lenbachplatz in München statt.
Weitere große Ausstellungen der letzten Jahre waren:
- „Habseligkeiten“ (2012), Positionen zeitgenössischer Kunst der NM im Dialog mit Objekten der Archäologischen Staatssammlung München
- „KUNST | STOFF“ (2015), Intervention im TIM Augsburg
- „Über alle Berge“ (2016) in der Galerie Prisma des Südtiroler Künstlerbundes
- „Territorien“ in der Kunsthalle Hannover (2017) und Halle 50 München (2019)
- „HUTARTIG“ (2020/2021), Interventionen im Deutschen Hutmuseum Lindenberg
- „verzeichnet“ (2020) in der Galerie DER MIXER Frankfurt und (2021) in der Galerie FOE München
- „Luftlinie“ (2022) im Kunstverein Landshut
- „sehenden auges“ (2025) im Kunst- und Gewerbeverein Regensburg
Ohne sich ständig an den Zwängen des Kunstmarkts orientieren zu müssen, bildet die NM als zeitgenössische Künstler*innenvereinigung einen lebendigen Spiegel ganz unterschiedlicher Haltungen in der Kunstlandschaft des 21. Jahrhunderts. Unveränderte zentrale Anliegen der NM sind seit ihrer Gründung:
- die gemeinsame Vertretung der Interessen ihrer Mitglieder
- der kollegiale Austausch und die gegenseitige Unterstützung
- die Förderung, Organisation und Durchführung von Ausstellungen
Zur Bedeutung der Künstlergenossenschaften im 19. Jahrhundert
Prof. Dr. Andreas Kühne
Die Münchner Künstlergenossenschaft formierte sich als erster Künstlerbund in Süddeutschland im Herbst 1860 in der damals führenden Kunsthauptstadt München. Im gesamten deutschsprachigen Raum war sie keineswegs die erste Gründung dieser Art. Die älteste solcher Vereinigungen wurde in Berlin - damals äonenweit davon entfernt, jemals Reichshauptstadt zu werden - schon 1841 gegründet. Düsseldorf, Frankfurt a. Main und Leipzig schlossen sich an. Nach der Münchner Gründung folgten noch Wien, Stuttgart, Dresden und Zürich.
Warum sich die Künstlervereinigungen vermehrt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bildeten, hat diverse Gründe. So formierte sich in ihnen der Widerstand gegen den vorherrschenden akademischen Kunstbetrieb. Die maßgebliche Position des Bürgertums verlangte aber auch einer Ortung der gesellschaftlichen Stellung des Künstlers, der mit dem zunehmenden Verlust von Auftraggebern sein Selbstverständnis im Sinne der l'Art pour l'Art neu zu definieren hatte.
Wohl kann man bei den Vereinigungen auch von einer Art Demokratisierung des Künstlertums sprechen. Wie homogen oder gelungen dieser Zusammenschluss zwangsläufig individueller Künstlergesinnungen sein kann, zeigt nicht zuletzt die wechselhafte Geschichte der Münchner Künstlergenossenschaft. Aus einer Kette von Sezessionen und Neugründungen entstand letztlich jener Verbund, der sich heute Neue Münchner Künstlergenossenschaft (NM) nennt.
Die sicherlich spektakulärste Spaltung der Münchner Künstlergenossenschaft erfolgte 1892, als über hundert Mitglieder wegen Meinungsverschiedenheiten über die zukünftige Gestaltung der Jahresausstellung im damals noch existierenden Glaspalast sowie aus künstlerischen Differenzen austraten. Sie gründeten einen weiteren Verein bildender Künstler in München - die Secession. Derlei Bewegungen gab es zu dieser Zeit im In- und Ausland häufig, so in Dresden, Karlsruhe, Berlin und auch Paris.
Wie auch heute noch, war schon damals das Stigma eines Vereins so manchem souveränen Künstler ziemlich gleichgültig, sodass man sich die separatistischen Tendenzen nicht in der durchgängigen Härte eines ideologisch motivierten Kampfes vorzustellen hat. Und wie in der Gegenwart stellten auch damals Künstler unter der Fahne der einen sowie der anderen Künstlergruppierung aus. Max Klinger etwa präsentierte seine Arbeiten sowohl in der Secession, als auch im Glaspalast zur Jahresausstellung der Münchner Künstlergenossenschaft.
Wie fließend die Grenzen zwischen den Gruppierungen waren (und heute noch sind), bewiesen überdies existierende informelle Vereinigungen wie etwa die Allotria, nach dem 2. Weltkrieg vor allem als Seerosenkreis bekannt. Zu den Mitgliedern zählten einst unter anderem Arnold Böcklin und Lovis Corinth.
Mit dem Aufkommen des Impressionismus in Frankreich brachen auch die künstlerischen Fronten in der Münchner Künstlergenossenschaft auf und führten zu heftigen Auseinandersetzungen. Claude Monets programmatisches Gemälde der „Impression soleil levant“, das er 1874 im Atelier des Fotografen Nadar ausstellte, steht bildhaft für den Bruch mit der akademischen Kunst des 19. Jahrhunderts. Auch in München wurde der neue Stil als einschneidendes Ereignis erlebt und diskutiert.
Doch nicht einmal so sehr die künstlerischen Irritationen zu Beginn der Moderne, sondern vielmehr politische und kulturpolitische Umstände führten zur eigentlichen Zäsur in der Geschichte der Künstlergenossenschaft und letztlich zu ihrer Auflösung. Künstlervereinigungen besitzen ihrem Wesen nach demokratische und pluralistische Strukturen. In Bayern wurden sie vom städtischen Bürgertum getragen, freundlich unterstützt von den Wittelsbachern. Diktatorischen Systemen mussten sie deshalb zwangsläufig ein Dorn im Auge sein. So erscheint es symptomatisch, dass sich sowohl die Lexika der NS-Zeit als auch die der ehemaligen DDR über die Geschichte der Künstlergenossenschaften weitgehend ausschwiegen. Nach der Gleichschaltung während des Nationalsozialismus und der Schaffung der „Reichskammer der bildenden Künste“ schrumpfte die Bedeutung der Künstlergenossenschaften zusehends. Schließlich wurden sie ganz aufgelöst.
Archivaufnahmen zur Jury der „Großen Kunstausstellung München“ im Haus der Kunst
