Partitur der Unruhe

Zum Gedenken an Eva Ruhland (1961-2025)

 

„Warmherzig“, „Inspirierend“ und „Empathisch“ waren die Epitheta, die immer wieder genannt wurden, wenn zu ihren Lebzeiten von Eva Ruhland die Rede war. Es ist keineswegs übertrieben, sie als eine Instanz in der bayerischen und insbesondere der Münchner Kunstszene zu bezeichnen. Geboren wurde Eva Maria Ruhland am 31. März 1961 - im Sternzeichen des Widders -  im bayerischen Voralpenland in Bad Tölz. Nach einem sehr erfolgreichen Besuch des Gabriel-von-Seidl-Gymnasiums in ihrer Heimatstadt, dem sie sich auch späterhin verbunden fühlte, führten sie ihre vielfältigen künstlerischen und literarischen Interessen zum Studium nach München an die Ludwig-Maximilians-Universität. Germanistik, Philosophie und Kunsterziehung standen auf ihrem Studienprogramm, das sie 1986 mit dem Staatsexamen abschloss. Doch schon während dieser Zeit zeigte sich, dass sie die bildende Kunst als eine Berufung spürte und lebte, die über den pädagogischen Rahmen hinausging. So war es nur folgerichtig, dass sich ein Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München anschloss. Helmut Sturm und Gerd Winner waren dort ihre Lehrer, zwei Künstler, die stilistisch weit auseinander liegen, die sich aber andererseits durch ihre künstlerische Haltung und große Ernsthaftigkeit ähneln. 1991 erwarb sie als Meisterschülerin von Gerd Winner das Akademiediplom und absolvierte gleichzeitig das kunstpädagogische Staatsexamen für die gymnasiale Oberstufe. Abgesehen von mehreren akademischen Lehraufträgen hat sie aber, ungeachtet ihrer pädagogischen Begabung, nie an einer Schule gelehrt. Zu groß waren ihr eigener künstlerischer Schaffensdrang und ihre Neugier auf die sich noch im Frühstadium ihrer Entwicklung befindlichen Neuen Medien. Teilweise autodidaktisch - learning by doing - eignete sie sich die dafür erforderlichen - Techniken und Fertigkeiten an. Ihre homepage gewährt einen kleinen Einblick, dass sie auch eine begabte Zeichnerin, Aquarellistin und Druckgraphikerin war, aber für die Neuen Medien, die Film- und Videokunst begeisterte sie sich. Eine Leidenschaft, die wohl auch daher rührte, dass sie schon in ihrer Jugend ein begeisterter Filmfan war. Von Alfred Hitchcock bis zu Andrej Tarkowskij reichten ihre filmischen Vorlieben. Evas Ruhlands eigene Videoinstallationen und Fotografien erschließen sich selten auf den ersten Blick. Sie sind vielschichtig und heterogen und besitzen häufig eine philosophische, existentialistische Ebene. Videoarbeiten wie „Das Fibonacci-Prinzip“ (2009), „Über alle Berge“ (2016) und „Territorien“ (2017) bleiben in Erinnerung. Ihre Fotoserien „Home, sweet home“ (2009 und 2017) sind verstörend und faszinierend zugleich.

 

Die Liste von Eva Ruhlands Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen ist lang. Sie aufzuzählen ist hier nicht der richtige Ort. Häufig waren sie verbunden mit ihrer Tätigkeit als Präsidentin der „Neuen Münchner Künstlergenossenschaft“ (NMKG), ein Amt, in das sie 2011 gewählt wurde, das sie nicht angestrebt, aber von Anfang an mit großem Engagement ausgefüllt hat. Mindestens ebenso wichtig ist es zu erwähnen, dass sie die altehrwürdige Tradition der „Großen Kunstausstellungen“ im Münchner Haus der Kunst, deren Existenz seit 2010 massiv bedroht war, insofern gerettet hat, als sie diese durch die Mitbegründung des „Künstlerverbundes im Haus der Kunst München“ in die Institution der „Biennale“ im Haus der Kunst überführen konnte. Die 1. Biennale organisierte und kuratierte sie 2013 (gemeinsam mit Pavel Żelechowsky) unter dem Motto „Vanity Flair“. So trug sie durch ihr Engagement und ihr Pflichtbewusstsein - eine Eigenschaft, die selten geworden ist - maßgeblich zum Verbleib der Sezession, der Neuen Gruppe und der NMKG in diesem Haus bei.

 

Der gleich mehrfache Spagat, ihren eigenen künstlerischen Ansprüchen gerecht werden zu wollen, ihr unermüdlicher Einsatz für die Interessen ihrer Künstlerkollegen und -kolleginnen sowie ihre freiberufliche Tätigkeit als Graphikerin in einer Werbeagentur zehrten an ihrer Lebenskraft, ohne, dass sie ihren Optimismus verloren hätte. Sie blieb beflügelt von großen, weitreichenden Plänen, von denen alle, die je mit ihr zusammengearbeitet haben, angesteckt wurden. Und noch am Vorabend ihres Todes wollte sie unbedingt wissen, wieviel „Zeit ihr noch bliebe auf dieser Welt“. Am 3. Juli 2025 ist sie nach kurzer schwerer Krankheit von uns gegangen. Wir, ihre Freunde und Kollegen, werden die Erinnerung an sie als einen inspirierenden, liebevollen Menschen lebendig halten.

 

Andreas Kühne